Südwales – wie Erzgebirge an der Ostsee

Der Waliser Drachen

Eine Auswanderung muss nicht immer große Entfernungen zur Heimat beinhalten. Es gibt attraktive Standorte wie Südwales, bei denen man schon nach einer oder zwei Stunden Flugzeit im Zielland ist. So sind Berlin, München und Düsseldorf direkt mit Cardiff und Berlin sowie Köln auch mit Bristol durch Fluglinien verbunden. Was liegt näher, dass wir als britisches Unternehmen einen Standort in der Nähe unseres Firmensitzes näher beleuchten. Südwales scheint uns dafür gut geeignet zu sein. Nicht nur wegen der landschaftlichen Schönheit und dem milden Golfstromklima, sondern auch wegen der pulsierenden Universitätsstädte Cardiff, Newport und Bristol. Außerdem sind hier die Miet- und Kaufpreise für Immobilien weit erschwinglicher als in London und Umgebung. Hier finden wir noch eine in der Mehrzahl ursprünglich einheimische Bevölkerung vor, die sehr freundlich auf deutsche Auswanderer reagiert.

Einreise, Bevölkerung, Sprache und Lifestyle

Wenn du in die Großstädte an der Südküste von Wales Newport, Cardiff und Swansea kommen willst und du reist von England per Kraftfahrzeug ein, dann ist der Hauptweg über die beiden Autobahnen M4 und M48 über die langen Brücken der Mündung des Flusses Severn. Erste Überraschung: Du musst ein „Eintrittsgeld“ bezahlen. Denn hast du die Brücken passiert, dann stehst du vor einer Mautstelle und zahlst je nach Größe und Art deines Fahrzeuges Maut. Ein gewisser Filtereffekt für die Einreise nach Wales ist dadurch durchaus vorhanden. Niemand wird hier ohne triftige Motivation und ohne das nötige Kleingeld einreisen. Das spiegelt sich auch in der Bevölkerungsstruktur wieder: Der Anteil nichteuropäischer Migranten ist im Vergleich zu England viel kleiner (größere Städte) bis verschwindend gering (Landgebiete, kleinere Städte).

Cardiff, Bay Region an einem Sonntag
Flanieren an der Bay in Cardiff, am Wochenende hier sehr beliebt

Per Flug kommt man am besten über die Flughäfen in Bristol und Cardiff hierher. Beide sind über verschiedene Fluglinien u.a. mit Berlin, München und Köln-Bonn verbunden. Am häufigsten landen und fliegen hier jedoch Flugzeuge von / nach Amsterdam und Dublin. Auch Linien nach Nordamerika und Spanien sind verfügbar.

Die Waliser hier haben viel Tradition im Kohlebergbau, der seit den 90igern des vergangenen Jahrhunderts fast endgültig Geschichte ist. Es gibt nur noch zwei aktive Tagebaue in der Nähe von Merthyr Tydfil. Der Lebenstil hier ist modern westlich abendländisch geprägt, die Versorgung ist ausgezeichnet, es gibt ein dichtes Netz an guten Retailcenters, die darüber hinaus weit ausgedehntere Öffnungszeiten als in Deuschland haben. Jeder Sonntag ist hier eben für viele ein entspannter Einkaufstag ebenso wie die Bank Holidays.

Auch für die Gestaltung der Freizeit gibt es äußerst vielfältige Möglichkeiten. Alle Hinweise in der Öffentlichkeit, ob schriftlich (auf Schildern, Plakaten etc.) oder akustisch (Ansagen in Supermärkten, Bahnhöfen oder Stadien) laufen zweisprachig ab (in Welsh und English). Die Ortsnamen sind entweder welsh oder english. Oft ist es schwierig, als Fremder hier die richtige Aussprache zu finden. Aber die Waliser helfen dir hier mit großer Gelassenheit. Welsh als lebendige Sprache wird aber nicht mal mehr von den Einheimischen beherrscht noch gesprochen. Sie dient nur noch im Norden des Landes vereinzelt bei älteren Leuten der Verständigung.

Kohleschacht_penalta
Wohnsiedlung an einem ehemaligen Kohleschacht in Penalta

Landschaft und Infrastruktur

Wales insgesamt hat eine waldreiche und hügelige Landschaft mit zahlreichen National- und Landschaftsparks, die zu Familien- und Freizeitaktivitäten einladen. Südwales insbesondere ist mit einer hervorragenden Infrastruktur versehen. Parallel zur (zur rush hour oft verstopften) Autobahn M4 verläuft in weiten Strecken 4 bis 6-spurig die A48 zur Verbindung der Städte Newport, Cardiff, Bridgend, Port Talbot und Swansea, von den Küstenmetropolen gibt es ein dichtes Netz oft ebenfalls 4-spurig ausgebauter Landesstraßen, die einen schnellen Transfer ins und aus dem Landesinneren weiter nördlich ermöglichen.

Da Südwales, wie schon erwähnt, traditionell aus dem 19. Jahrhundert mit dem Kohlebergbau und der Stahlindustrie verbunden gewesen ist, hat das zu einer vergleichbar dichten Besiedlung wie im deutschen Ruhrgebiet oder im sächsischen Erzgebirge geführt. Die letzten großen Minen wurden aber im wesentlichen Ende der 80iger Jahre des 20.Jhd. geschlossen. Devastierte Exbergbauflächen wurden erfolgreich zu wunderschönen Landschafts- und Erholungsparks umgewandelt. Der größte davon ist der Brecon Beacon National Parc. Geblieben ist auch eines der dichtesten Eisenbahnnetze der Welt, obwohl einige Strecken abgebaut wurden. Ungewöhnlich dicht ist ebenso das Busnetz und die Häufigkeit der Abfahrtszeiten öffentlicher Verkehrsmittel überhaupt. Kein Auto zu haben, ist nur für größere Einkaufe und Transporte ein Nachteil, nicht aber für die Erreichbarkeit der Ballungszentren aus den Suburbans.

valleys
Landschaft in den Valleys bei Cwmfelin-fach

Studium in Wales? Eine gute Idee!

Junge Leute studieren hier gern Ingenieur- und Naturwissenschaften an der Universität Cardiff, die meist auf den ersten fünf Plätzen im jährlichen Gesamtranking der britischen Unis zu finden ist. Ein Viertel der internationalen Studierenden kommt dabei aus der EU. Deren Status wird sich auch nach dem Brexit nicht ändern. 7 der insgesamt 13 walisischen Unis befinden sich in der Region um Cardiff und Newport. Bildung zu verkaufen ist also hier ein wichtiger Wirtschaftszweig. Mehr zu den Tagen der offenen Tür der Universitäten findest du hier .

Universitäten in Wales
Quelle: http://www.uniswales.ac.uk/universities/

Wales ist eine Dienstleistungsgesellschaft geworden

So ist es auch wenig verwunderlich, dass die Waliser Ökonomie mit 66 % Bruttosozialeinkommen im wesentlichen eine Dienstleistungswirtschaft ist. Ein knappes Drittel entfällt auf die Industrie und nur 1,5 % sind Land- und Forstwirtschaft sowie Fischerei zuzuordnen. Dadurch, dass das mittlere Einkommen hier unterhalb des britischen Durchschnitts liegt, sind aber auch die Lebenshaltungskosten weit niedriger als in anderen Regionen Großbritanniens. So sind in dieser grünen hügeligen Landschaft mit kurzen Wegen in die Großstädte, besten Einkaufs- und Freizeitgestaltungsmöglichkeiten, die Mieten und Grundstückspreise auch niedriger als in England, insbesondere im Vergleich zu den Regionen um London, Manchester und an der Südküste ganz erheblich.

Internet und Handwerk

Das Internet ist sowohl per Kabel als per LTE selbst in relativ abgelegenen Gegenden ausgezeichnet ausgebaut. So bedeutet die hohe Bevölkerungsdichte nicht nur für IT-Dienstleister ein hohes Kundenpotential. Deutsche Wertarbeit, insbesondere im Baubereich (Fenster, Dächer, Sanitär!) ist hier hochgeschätzt und liefert Handwerksbetrieben gute Entwicklungsmöglichkeiten. Viele behördliche Dinge sind hier einfacher und unbürokratischer organisiert. Meisterzwang, Kammermitgliedschaftszwang? Über solche deutsche Peinlichkeiten der Einschränkung der Gewerbefreiheit schmunzelt man hier: Lediglich Optiker müssen eine Ausbildung nachweisen sowie Berufspraxis vorweisen, um ihr Handwerk ausüben zu können. Überwachen lassen müssen sich nur Handwerksbetriebe, die Lebensmittel herstellen. Nicht unwesentlich für das sehr pragmatische zielorientierte Handeln der Waliser ist es, dass in Cardiff die zentrale Registrierungsstelle für Firmen im gesamten Vereinigten Königreich (Companies House) beheimatet ist und in Llantrisant sich seit 1980 die königliche Münze befindet.

Sport: Rugby ist die Nummer 1, Fußball aber gleich dahinter

Sicherlich ist es für Sportfans interessant, dass das Principality-Stadium Cardiff mit einer Sitzplatzkapazität von 74500 das zweitgrößte voll überdachte Stadion der Welt und noch dazu in Innenstadtlage ist. Hier finden deshalb oft große internationale Wettkämpfe im Rugby und Fußball, aber auch Konzerte statt. Selbst wenn Swansea City AFC im nächsten Jahr zweitklassig ist, ist mit Aufsteiger Cardiff City wieder ein Waliser Club in der englischen Premier League vertreten. Für moderate Eintrittspreise mal ManCity, ManU, Chelsea sehen? Kein Problem in Südwales! Im übrigen ist der Service, den die Clubs hier bieten, Lichtjahre besser als alles, was ihr von der Bundesliga kennt. Vielleicht ist das auch der Grund, warum der britische Fußball kommerziell so boomt, viel eher auch ausländische Investments anzieht und immer volle Stadien garantiert.

Cardiff City steigt auf
Aufstiegsfeier im Cardiff City Stadium am 06. Mai 2018

Schulen, klein, nah und vielfältig

Familien mit Kindern werden es schätzen, dass die Schuldichte kurze Wege für ihre Kinder garantiert. Es gibt eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Bildungsangebote aus staatlicher und privater Hand. Interessant für Eltern in Deutschland schulpflichtiger Kinder dürfte die Möglichkeit zum legalen Homeschooling für 5 bis 16jährige Kinder sein. Im Vereinigten Königreich gibt es eine Bildungspflicht, aber keine Schulpflicht. Hier mehr dazu (in english). Jede Schule hat hier ihre Schuluniform, damit will man den Wettbewerb mancher Eltern um das am modischsten ausgestattete Kind und den Neid untereinander vermeiden. Die Schuluniformen sind heute meist sehr variabel und dem Zeitgeschmack angepasst.
Viele gepflegte (!!!) und umzäunte Spielplätze, die oft abends abgeschlossen werden, zeigen ein hohes Maß an Kinderfreundlichkeit der Waliser Gesellschaft.

Kinderspielplatz in Maesycwmmer
So sehen hier alle Spielplätze aus!

Autokauf in Wales – was ist zu beachten?

Zunächst sollte man wissen, dass man natürlich auch mit kontinentaleuropäischen Fahrzeugen auf den britischen Inseln fahren darf. Das wird sich auch nach dem Brexit nicht ändern. Aber durch das Rechtslenkerequipment gibt es Preisverschiebungen im Vergleich zum kontinentaleuropäischen Markt. Neuwagen können dadurch bis zu 52 % teurer sein, das ist besonders bei Autos der deutschen VW-Gruppe zu spüren und am wenigsten bei japanischen Wagen, wie die Dayly Mail am 08.April 2018 berichtet. Wahrscheinlich aus dem gleichen Grund ist der Preisverfall bei Gebrauchtwagen jedoch viel schneller, denn Rechtslenkerautos sind in der Regel in Europa nur für britische und irische Kunden interessant und haben damit einen überschaubaren Marktanteil.

So kann man bei guten Gebrauchten insbesondere im Direktkauf und bei kleineren Händlern durchaus ein Schnäppchen machen. Aber Achtung: Nach der Kfz.-Steuer fragen, die ist recht unterschiedlich, ebenso wie die Versicherungsklasse. Sonst wird schnell aus dem vermeintlichen Schnäppchen eine monatliche Belastung. Lasst euch keinesfalls vom Händler überzeugen, mit seinem bevorzugten Versicherungspartner per Telefon vor Ort einen Abschluss zu machen, auch wenn ihr das Auto gekauft habt und nun vermeintlich unversichert wegfahrt. Einwanderer haben keine Unfallhistorie in UK und das wirkt sich dann meist negativ auf die Prämie aus. Deshalb sind Internetportale wie Quotezone eine gute Adresse, um dennoch einen guten und preiswerten Anbieter zu finden, die Unterschiede können enorm sein.

Der Kauf an sich ist sehr einfach, kann durchaus per Handschlag gegen Cash erfolgen. Eine Autonummer gehört zum Auto hier wie der Motor und bleibt lebenslang die gleiche, unabhängig vom Besitzer oder dem Heimatstandort des Fahrzeugs, solange der im Vereinigten Königreich liegt. Sie ist gleichzeitig Grundlage für die Registrierung des Besitzerwechsels und die Besteuerung durch das zentrale britische Kfz.-Meldeamt in Swansea. Es ist in UK keine Pflicht, eine Erste-Hilfe-Ausrüstung oder eine Warnweste an Bord zu haben. Seriöse Händler liefern das aber trotzdem inklusive ebenso wie ein Ersatzrad und Wagenheber, wenn man danach fragt. Was in Deutschland der TÜV/ASU ist, ist in Großbritannien der MOT, er ist jährlich einmal durchzuführen und kostet zwischen 30 und 50 Pfund Sterling. Den Nachweis erhält man sofort und sollte man im Handschuhfach mitführen.

Unsere Einschätzung zu Südwales

Alles in allem bietet Wales in der kurzen Verbindung zwischen Land und Meer, mildem Golfstromklima und westlicher Lebensart eine hohe Lebensqualität und hervorragende persönliche Entfaltungsmöglichkeiten für deutsche Auswanderer allen Alters, nicht nur für die mit Karrierezielen. Außerdem ist es aufgrund der kurzen Entfernung viel einfacher, den Faden zu Freunden und Verwandten mit gegenseitigen Besuchsmöglichkeiten nicht abreißen zu lassen.

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